In “Nachgefragt: Was die Blogger-Szene über den E-Commerce der Zukunft denkt” berichtet T3N über Möglichkeiten wie Blogger die Zukunft des eCommerce für Händler sehen. Schön. Einmal mehr ein zaghafter Versuch dem Handel das Thema “eCommerce” mit Wörtern aus einer fremden Welt zu erklären.

“Augen zu vor der Realität. Die Blogger beklagen einstimmig die Beharrungstendenzen von Handel und Herstellern in punkto Internet, als wollten die betroffenen Unternehmen den digitalen Wandel nicht wahrhaben.”, ist man bei T3N der Meinung. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass der Handel der Buhmann ist.

Doch wer wurde denn nicht gefragt? Richtig! Der Händler. Wo drückt denn ihm der Schuh? Wie können seine etablierten Prozesse und Handelsstrukturen bestmöglich in das Neuland “eCommerce” eingebunden werden. Leider kein Wort davon….

Sehr wohl nehmen die Unternehmen eCommerce als wachsende Plattform wahr, der sie sich nicht dauerhaft verschliessen können. Doch gerade die unbekannten Begriffe und die neuen Gesetzmässigkeiten die es im eCommerce Bereich zu beachten gilt machen es dem klassischen Unternehmer nicht gerade einfach Fuß zu fassen.

eCommerce nur aus Sicht der eCommerce’ler

Gespickt mit Buzzwords aus dem eCommerce erschlägt der inhaltlich wenig attraktive Bericht auf T3N den Leser und lässt den Händler letztendlich mit wenig wissenswerten Informationen zurück. Hauptsache es wurde mal wieder Content mit möglichst vielen SEO-Wörtern konstruiert. So leben eCommerce und Offline-Handel immer noch weitestgehend in Parallelwelten unserer Gesellschaft.

Doch was bewegt den Handel?

Leider hat man verpasst, “den Handel” mal nach seiner Meinung zu fragen. Der Handel – so muss man wissen – liebe eCommerce’ler, kommt aus einer ganz anderen Ära. Gerade heute ergeben sich zahlreiche Übergaben, bedingt durch die Unternehmensnachfolge. Etablierte Prozesse und Strukturen werden durch Nachkömmlinge auf den Prüfstand gestellt. Auch eCommerce ist dabei sicherlich ein Thema. Der klassische Handel ist weiterhin gerade erst auf dem Weg eCommerce im weitesten Sinn für sich zu entdecken.

Es scheint bequem viele Dinge in der “Webdenke” zu sehen und zu interpretieren. Doch die Realität sieht im weitaus größten Anteil der KMUs auch heute noch oftmals anders aus:

Aus der Praxis: “Mit Stift und Papier”

Mir persönlich sind einige teils weltweit agierende Unternehmen mit eigener Produktion bekannt die heute noch (!) mit Stift und Papier ihre Arbeit verrichten. Gemeint sind dabei nicht die Telefonnotizen potentieller Kunden. Nein – es ist die Basis. Noch heute werden Rechnungen in ISO-zertifizierten Unternehmen mit Word und Excel “von Hand” erstellt.

Die wöchentliche Auflistung der Umstätze erfolgt auf einem Linienblock mit Kugelschreiber. Handschriftlich wird jede Rechnung und Betrag akribisch von Hand übertragen und mit dem Taschenrechner summiert, um den wöchentlichen Umsatz zu ermitteln.

DAS ist die Realität! Immernoch. Vielerorten. Und direkt in unserer Nachbarschaft. Natürlich und zum Glück stellt diese Situation nicht den Normalfall dar. Es ist aber auch nicht die Ausnahme.

Der Handel hat großen Nachholbedarf und Lust auf die Zukunft des eCommerce

Es erscheint also offensichtlich, dass der Handel insbesondere bei KMUs einigen Nachholbedarf hat. Das Problem ist hausgemacht. Dennoch hat es schon immer so funktioniert. Warum hätte man sich ändern sollen? Erst in den vergangenen Jahren haben kleinere Unternehmen erkannt, dass das Internet – im weit gefassten Sinn – irgendwie in der Zukunft dazugehören muss. Doch wie?

Klassische Handelsstrukturen, die bisherige Zielgruppe und die langjährigen Kunden kennen den persönlichen Kontakt per Email, Fax und insbesondere Telefon. Da ist es meist das Höchste der Gefühle, wenn die Webseite gerade einmal 6 – 8 Jahre alt ist und vielleicht alle halben Jahre vom privat bekannten Nachbarn gepflegt wird.

eCommerce in seinen gänzlichen Facetten und Anforderungen bis zu SEO und Analytics stellen für den KMUs immernoch oft genug eine große Herausforderung dar. Nicht nur vom generellen Verständnis wie eCommere überhaupt “funktioniert”, sondern auch in den finanziellen Unwägbarkeiten über den gesamten Projektrahmen. Man ist als Unternehmen hier auf kompetente Hilfe angewiesen, in der Hoffnung, dass der Projektrahmen auch das abdeckt, was für den Anfang sinnvoll und wirtschaftlich leistbar ist. Ein Online-Shop bedarf eines gewissen Investitionsrisikos, SEO-Agenturen wittern fette Beute. Interne Mitarbeiter müssen sich mit der neuen Thematik überhaupt erstmal auseinandersetzen und diese verstehen.

Da ist guter Rat teuer. In den seltensten Fällen besteht bereits zu Beginn ein Konzept oder eine Idee seitens der Unternehmen selbst, wie der Start in die Online-Welt realisiert werden kann. Zu Vielfältigkeit sind die Möglichkeiten und Chancen. Das ist guter Rat teuer und es müssen Prioritäten gesetzt werden. Begibt sich das Handelsunternehmen jedoch auf das neue Terrain “eCommerce” findet sich dieses oftmals in einer Welt mit einer ganz eigenen Sprache wieder.

Um dem Handel den Einstieg zu erleichtern muss im eCommerce auch auf die Seite des Kunden gewechselt werden, um bisherige Offline-Prozesse zu verstehen und bestmöglichst zu integrieren.

Den Handel da abholen wo er ist

Aus Sicht von klassischen Handelsunternehmen die beginnen sich mit eCommerce zu beschäftigen, sind die Entscheidungswege für eCommerce oft ganz andere als aus Sicht der im eCommerce heimischen Blogger und Entscheidungsträger selbst. Die Optimierung bestehender Prozesse mit weitestgehender Integration etablierter und den Mitarbeitern bekannter Vorgehensweisen steht oft erst einmal vielmehr im Vordergrund. Die Entscheidung für einen Online-Shop oder den Relaunch eines Dinosaurier-Shops sind nicht immer geplant sondern erfolgen aus der Notwendigkeit oder dem Bauchgefühl der Geschäftsleitung: “Wir machen jetzt eCommerce…”

Dabei ist es nicht nur entscheidend die Zukunft des eCommerce für den Handel zu beleuchten, dass sondern auch alle anderen Prozesse und technisch vorhandenen Strukturen, die mit der Einführung von eCommerce in direktem und indirektem Zusammenhang stehen und nicht immer bereits vorhanden sind.

Nachgelagerte Prozesse stützen die eCommerce-Präsenz

Gesetzt dem Fall, dass ein neuer Online-Shop für ein Unternehmen innerhalb kurzer Zeit zu einem der wichtigsten Absatz- und Umsatzkanäle wird, müssen auch alle weiteren Prozesse dafür vorhanden sein und möglichst automatisiert und fehlerfrei das gesteigerte Bestellaufkommen unterstützen und verarbeiten können.

Schnittstellen zum ggf. bereits vorhandenen Warenwirtschaftssystem oder der Versandabwicklung per DHL mit automatischem Versandetikettendruck sind hierbei nur zwei Punkte, die durch die reine eCommerce-Brille erstmals nicht als Schwerpunkt gesehen werden. Alle im eCommerce möglichen Optimierungsmaßnahmen würden sonst durch fehlende unternehmensinterne Prozesse ausgebremst werden.

Deshalb steht bei der Entscheidung für einen Online-Shop nicht nur das dafür erforderliche Shop-Konzept auf dem Prüfstand, sondern eigentlich die gesamte bisherige Arbeitsweise des Unternehmens in all seinen Facetten selbst. Der eCommerce-Projektleiter ist deshalb mittlerweile eher als ganzheitlicher Unternehmens-Consultant gefragt.

Fazit

Geht raus zu den Händlern! Und zwar zu denen an der Front. Im Einzelhandel, in Familienunternehmen und regional ansässigen Firmen. Hier ticken die Uhren oft immer noch (!) anders. Schuld ist dabei nicht (nur) der Händler, sondern die Art und Weise wie etablierte Unternehmen mit neuartigen Begriffen zugebuzzed werden und damit selbstverständlich “dicht machen”.

Der klassische Handel ist in vielen Bereich bei weitem noch nicht weit genug, offline und online so zu verstehen und zu vernetzen, wie man es sich aus eCommerce-Sicht wünschen mag. Der Handel muss “ganzheitlich abgeholt werden”. Denn ein neuer Online-Shop sollte nur der Beginn und Startschuss einer ganzen Reihe an weiteren Optimierungen in der Zukunft sein, um langfristig erfolgreich zu bleiben. Das ist echte Pionier- und Überzeugungsarbeit.

Ich sehe einen Online-Shop generell als imaginären, vollwertigen, digitalen Mitarbeiter, der 24/7 verfügbar ist und (fast) nie krank wird. Dies bedeutet auch, dass in diesen entsprechend nachhaltig investiert werden muss. Es reicht nicht aus, einen Shop auf die Beine zu stellen und dann sich selbst zu überlassen. An den Shop muss im übertragenen Sinne von Beginn an eine konkrete Anforderung gestellt werden, wie bei einem Stellenangebot für einen Mitarbeiter. Ebenso erfordert der Shop ein entsprechendes Arbeitsklima, um optimal und fehlerfrei zu funktionieren.

Dabei ist es für das Unternehmen und den eCommerce-Dienstleister auch wichtig einen neuen Online-Shop nicht nur aus der Gegenwart zu betrachten, sondern auch zu planen, wie der Online-Shop und alle weiteren damit verbundenen Online- und Offline-Bereiche für das Unternehmen innerhalb der kommenden 5 Jahre ausgestaltet werden soll.

Die Zukunft des eCommerce liegt beim Handel selbst. Nur wenn es gelingt die Bedürfnisse des klassischen Handel und das Wissen aus dem eCommerce auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, werden mehr Unternehmen in den kommenden Jahren eCommerce besser verstehen und für das eigene Unternehmen den Weg dorthin gehen.